Literaturland

Unter dem Titel „Literaturland“ werde ich in lockerer Folge diverse Themen und Fragen behandeln, die über das allgemeine Niveau der gegenwärtigen Selbstverständigung zum Gegenstand Literatur – so eine solche überhaupt stattfindet – hinausgehen. Immer eingedenk der erstaunlichen Tatsache, dass wir Menschen die einzigen Tiere sind, die sich Geschichten erzählen. Wieso das so ist, woher das kommt, was es bedeutet und welche sonstigen Fragen unseres Menschseins davon berührt werden, können wir überhaupt erst erahnen, wenn wir uns von der Vorstellung befreien, dass Literatur ein Marktangebot zur Freizeitgestaltung ist.

Davon will „Literaturland“ zumindest bruchstückhaft Nachricht geben.


Mittwoch, 5. September 2018

Die Götter erscheinen in den Büchern

Wenn der italienische Schriftsteller Roberto Calasso in seiner Untersuchung Die Literatur und die Götter zum Schluss kommt, dann schreibt er zusammenfassend:

„Die Literatur ist niemals Sache eines einzelnen Subjekts. Mindestens drei Akteure gehören zu ihr: die schreibende Hand, die sprechende Stimme und der Gott, der überwacht und gebietet.“

Wer sind diese drei Akteure der Literatur?

Calasso sagt: „Im Aussehen sind sie nicht sonderlich verschieden: alle drei jung und mit dichtem, gelocktem Haar. Leicht könnte man sie für drei Erscheinungen derselben Person halten. Aber nicht das ist das Entscheidende, sondern die Teilung in drei unabhängige Wesen. Wir können sie das Ich, das Selbst und das Göttliche nennen. Zwischen diesen drei Wesen findet eine beständige Triangulation statt. Jeder Satz, jede Form ist eine Variation in diesem Kraftfeld.


Daher die Zweideutigkeit der Literatur: Der Blickpunkt wandert beständig von einem dieser Extreme zum anderen, ohne daß es uns mitgeteilt würde – ja bisweilen erfährt es nicht einmal der Autor. Der, der auf der Tafel schreibt, ist in sein Tun vertieft, als nähme er nichts um sich her wahr. Vielleicht sieht er tatsächlich nichts, vielleicht weiß er nicht, wer in seiner Nähe ist. Um seine Aufmerksamkeit zu fesseln, genügt der Griffel, der die Buchstaben einritzt. Das Haupt, das auf den Wassern schwimmt, singt und blutet. Jedes Vibrieren des Wortes setzt etwas Gewalttätiges voraus, ein palaiòn pénthos, ein „altes Unglück“. Einen Mord? Ein Opfer?

Quelle aller Literatur

Es bleibt unklar, aber das Wort wird nie aufhören, davon zu berichten. Apollo hält seinen Lorbeer. Indem er den anderen Arm ausstreckt, will er etwas sagen: Will er befehlen, verbieten, beschützen? Wir werden es nie erfahren. Aber dieser Arm, der, ausgestreckt wie beim Apollo des Meisters von Olympia, die unbewegliche Achse im Zentrum des Strudels bildet, betrifft und trägt die ganze Szene- und alle Literatur.“

Nun, so weit Calasso. Über das Haupt, das auf den Wassern schwimmt und blutet – es ist ein abgetrenntes Haupt -, wird noch zu sprechen sein. Aber das will ich einem späteren Beitrag vorbehalten.